Geschichte

Das Stadtbad – Europäisches Kulturdenkmal und aktive Sportstätte

Die Bedeutung des halleschen Stadtbades

Das zwischen 1913–1915 nach den Entwürfen von Wilhelm Jost (1874–1944) errichtete hallesche Stadtbad ist sowohl in seiner architektonisch herausragenden Gestalt als auch in seiner Funktion einer der bedeutendsten öffentlichen Nutzbauten der Stadt Halle im frühen 20. Jahrhundert.
Architektonisch weitestgehend in seiner Grundstruktur erhalten, steht das hallesche Stadtbad auf einer Stufe mit den berühmtesten Bädern seiner Zeit. Es ist in einer Reihe mit dem Müllerschen Volksbad in München (1901), dem Stadtbad in Dessau (1907), dem Stadtbad in Gotha (1909), dem Volksbad in Darmstadt (1909), mit dem Leipziger Stadtbad (1916) und dem Dianabad in Wien (1917) zu nennen. Von seiner auffälligen repräsentativen äußeren Gestalt der sonst schlichten Reformarchitektur und seinen einen späten Jugendstil repräsentierenden Innenräumen ist zwar wenig verloren gegangen, aber dennoch schaden diese Verluste dem Gesamteindruck. Gerade der seit 1957 einsetzende schrittweise Umbau des Bades mit einem völligen Unverständnis gegenüber dem Charakter des Bauwerks führten zu einer Verstümmelung des Stadtbades (Turmbekrönung, Kassenhalle). Dieses Vorgehen gipfelte im Abris­s des Licht durchflutenden Gewölbes der Männerschwimmhalle und deren Ersatz durch ein Wellblechdach.

Das Stadtbad zwischen 1916 und 1918. Abbildungsrechte: Privatnachlass Wilhelm Jost

Das Stadtbad zwischen 1916 und 1918. Abbildungsrechte: Privatnachlass Wilhelm Jost

Der Bautypus eines Stadtbades

Die Entwicklung von Hallenbädern geht zurück auf den Wunsch, auch im Winterhalbjahr ein Bad nehmen zu können und in Anbetracht der noch im 19. Jahrhundert vorkommenden Cholera- und Typhusepidemien die hygienischen Bedingungen zu verbessern. Nach mehreren Anläufen bildete sich mit der Errichtung des sogenannten Müllerschen Volksbades in München ein fester Hallenbadtypus heraus. Ein Stadtbad bestand aufgrund der Geschlechtertrennung in der Regel aus zwei Schwimmbecken, zwei Wannenbadabteilungen, zwei Brausebadabteilungen und darüber hinaus aus einem römisch-irischen Bad, das meist zentral zu den Gebäudekomplexen der Männer- und Frauenhallen liegt.
Die funktionelle Ordnung und das Aussehen oblagen gängigen Vorstellungen. Demnach lagen die Räumlichkeiten für die Damen traditionell links und die der Herren rechts. Das Schwitzbad, welches von beiden Geschlechtern zu unterschiedlichen Zeiten nutzbar war, sollte dementsprechend in der Hauptachse liegen, damit die Wege sowohl für Damen als auch für Herren gleich weit sind und niemand benachteiligt ist.

Die Planungen für die städtische Schwimm- und Badeanstalt

Die Idee für eine städtische Schwimm- und Badeanstalt in Halle kam bereits Ende des 19. Jahrhunderts auf, da nur etwa für 13 % der Bevölkerung ein Bad mit fließendem Wasser in der Wohnung zur Verfügung stand. Es existierten um 1910 zwar 16 private Bäder, darunter 7 Flussbadeanstalten, doch waren die Eintrittspreise, die von den Besitzern bestimmt wurden, für die ärmere Bevölkerung unerschwinglich. So bestand im Winter, wenn man nicht in der Saale baden konnte, keine Möglichkeit zur Körperhygiene. Das folgende Zitat zeigt die Einstellung der Bürgerschaft und der Stadtverordnetenversammlung: „Im Sommer badet man in der Saale und im Winter badet man überhaupt nicht!“
Doch zu Beginn des Jahres 1907 beschlossen die städtischen Körperschaften endlich den Bau eines Hallenbades auf einem Grundstück zwischen Großer Steinstraße und Schimmelstraße.

Durch die seit 1889 auf der Großen Steinstraße fahrende Straßenbahn lag das zukünftige Stadtbad ideal und war so für Bewohner entfernter Stadtviertel gut zu erreichen.
Die Ergebnisse eines Wettbewerbs, den das städtische Hochbauamt 1911 ausgeschrieben hatte, waren architektonisch unzulänglich und hätten zu hohe Unterhaltungskosten verschlungen – deshalb wurden diese Entwürfe abgelehnt.
Mit dem Amtsantritt von Wilhelm Jost als Stadtbaurat im April 1912 begannen die Bemühungen um ein Stadtbad erneut. Jost begann die vorliegenden Entwürfe grundlegend zu überarbeiten. Am 30. Juni 1913 wurde sein Entwurf genehmigt und schon am 1. August 1913 konnte mit dem Bau begonnen werden.
Die Nutzung des 40°C warmen Kühlwassers, das vom Gaswerk über eine Trasse zugeführte wurde, ermöglichte die Senkung der Heizkosten von rund 45.000 RM jährlich – das war das überzeugende Argument für die Politiker. Trotz des Ersten Weltkrieges konnte der Bau 1915 fertiggestellt und am 16. Februar 1916 feierlich eröffnet werden.

Baubeschreibung des Äußeren

Die schwierige, verwinkelte Form des Grundstücks bedingte den funktionellen Aufbau des Bades. Durch einen breiten Torbogen gelangt man von der Schimmelstraße in den lang gestreckten Hof, um die zentral gelegene Kassenhalle zu erreichen. Hier erfolgte einst die Trennung zwischen der Damenseite – links – und der Herrenseite – rechts. In Richtung Osten schließt sich an die Kassenhalle die große Männerhalle an und in Richtung Norden die auf einem ovalen Grundriss errichtete Frauenschwimmhalle, an die sich das ehemalige Direktorenwohnhaus (heute das Ordnungsamt) anschließt. In den dreigeschossigen Gebäudeteilen, die den Hof zwischen Torbogen und Kassenhalle flankieren, lagen die Brausebäder im Kellergeschoss, die Wannenbäder im Erdgeschoss und die Ruheräume im Obergeschoss. Die Brausebäder waren dabei ausschließlich für die ärmere Bevölkerung vorgesehen. Die Ruheräume gehörten zu dem im Straßenflügel befindlichen römisch-irischen Bad.
Die Fassadengestaltung an der Schimmelstraße sollte das Bad als öffentlichen Bau hervorheben. So bestimmen massiv wirkende, große Mauerflächen das viergeschossige Gebäude. Südlich der Fassadenmitte überhöht ein turmähnlicher Baukörper mit wellenartig verziertem Giebel und aufgesetzten Zapfen die Toreinfahrt. Der schlichte Eingangsbereich lenkt die Aufmerksamkeit auf den von Martin Knauthe gestalteten Uhrenerker. Des Weiteren entsteht durch den hohen leicht geböschten Kalksteinsockel mit seinen tiefen Rundbogennischen ein schwerer und wuchtiger Eindruck. Um diesen beinahe wehrhaften Charakter des Gebäudes zu verstärken, kragt die Fassade zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss eingeleitet, durch ein Bogenfries leicht aus der Wandfläche heraus. Insgesamt entsteht ein beinahe wehrhafter Charakter des Straßenflügels.

Baubeschreibung des Inneren

Wilhelm Jost legte besonderen Wert auf die Innengestaltung des Stadtbades. Er wollte unterschiedliche Raumeindrücke vermitteln, was durch die Verwendung verschiedenartiger und verschiedenfarbiger Keramiken möglich war. Die Kassenhalle als Herzstück und Drehkreuz des Bades empfing den Besucher ursprünglich mit einer lichtdurchfluteten Kassettendecke. Durch Arkaden gegliedert, bestimmt der im Fußboden und an den Arkadenpfeilern verwendete dunkelbraune Klinker den gesamten Raumeindruck der Empfangshalle.
Das 25 m lange Becken der ehemaligen Männerschwimmhalle, bereits für Wettkämpfe geplant, wird von oktogonalen Pfeilern umfangen. Die umlaufende Galerie trug ursprünglich ein weites durch Stichkappen beleuchtetes Tonnengewölbe. Heute wird durch das fehlende Tageslicht der Raumeindruck völlig verfremdet. Die auf den Pfeilern angebrachten Keramikreliefs mit figürlichen Szenen und geometrischen Ornamenten sind weitestgehend erhalten geblieben.
Die ehemalige wesentlich kleinere Frauenschwimmhalle weist einen ovalen Grundriss auf. Sie konnte ihren bauzeitlichen Charakter bewahren. Ähnlich der großen Halle, umstehen auch hier oktogonale Pfeiler das ovale 17,3 x 13,2 m große Becken. Die Pfeiler tragen ein Gebälk, auf dem eine in Rabitz-Bauweise ausgeführte Kuppel aufliegt. Auch hier beleuchten Stichkappen mit großen Sprossenfenstern den Raum von allen Seiten. Im Gegensatz zur Männerschwimmhalle ist die Galerie emporenartig mit geschlossenen Brüstungen zwischen die Stützen gespannt. Die Einheit aus der ovalen Form, den vielfältigen Keramikverzierungen und der beruhigenden smaragdgrünen Farbgebung verleiht der Frauenschwimmhalle einen beinahe orientalischen Badestubencharakter. Die hier verwendeten figürlichen Reliefplatten an den Pfeilern, am Architrav und an der Galeriebrüstung sind vielfältiger und verspielter als in der Männerschwimmhalle. Ursprünglich, jedoch bereits vor dem Zweiten Weltkrieg verloren, markierte ein Brunnen mit Seepferdchen und einem stehenden Putto die Mitte des Beckens.
Aufgrund seiner repräsentativen Raumgestaltung ist auch das römisch-irische Bad hervorzuheben. In seiner Raumfolge – Dampfbad, Warmluftbad und Heißluftbad – bildet der mit einer geschuppten Rundkuppel überwölbte Duschbereich (über der Toreinfahrt liegend) für diesen Bereich den gestalterischen Höhepunkt. Blaugraue, teilweise auch in das violette Farbspektrum reichende Kacheln sowie einzelne figürliche und florale Reliefkacheln bestimmen die Räumlichkeiten.

Der Wasserturm

Von vielen Standorten weithin sichtbar, überragt der sich zwischen Kassenhalle und Frauenschwimmhalle erhebende Wasserturm das Stadtbadareal. Seine ursprüngliche Funktion war die eines Druckausgleichsbehälters, wie es an vielen Hallenbädern der Zeit notwendig war. Jedoch gibt es wenige Bäder, an dem der Wasserturm so dominant und prägnant in das Stadtbild eingefügt wurde. Als technische Notwendigkeit, um den Wasserdruck im Bad konstant zu halten, erfüllte er damals zudem die Funktion eines optischen Leuchtturms und noch heute einen identitätsstiftenden Zweck. Die auf den Turm gesetzte oktogonale Laterne passt sich durch eine doppelt angelegte Reihe von je 8 Schweifgiebeln, auf deren Enden jeweils ein kupferner Zapfen steht, hervorragend in die noch heute fast identische Stadtsilhouette ein. Vorbilder, die der Architekt nicht kopierte, sondern bewusst adaptierte, sind die Turmabschlüsse der Hausmannstürme sowie der verloren gegangene Turm des alten Rathauses. Eine überlebensgroße Kupferplastik bildete den gestalterischen Höhepunkt des Außenbaues. Diese Figur war angelehnt an die vom griechischen Künstler Boidas (330 v. Chr.) geschaffene Figur des Betenden Knaben (heute in der Berliner Antikensammlung). Die nach antiken Idealvorstellungen geformte vor Kraft und Gesundheit strotzende Männerfigur bildete nicht nur aus ästhetischen Gründen einen Höhepunkt, sondern auch von inhaltlicher Seite aus – symbolisierte sie doch, dass es an diesem Ort um den gesunden, kräftigen und vitalen Menschen geht.
Noch in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts im Keller des Stadtbades fotografiert, gilt sie heute leider als verloren.

Der Fassadenschmuck

Der rundbogige Durchgang von der Schimmelstraße aus wird von den Meeresgottheiten Triton und Nereide (links) und einer Tritonin auf der Eroten spielen (rechts) flankiert. Beide Plastiken, als Wächterfiguren geschaffen, wurden aller Wahrscheinlichkeit nach von Paul Horn (1876–1959) geschaffen. Der Eingang im Innenhof zur zentralen Kassenhalle hin wird gerahmt von zwei kannelierten Pilastern, die ein gebälkartiges Vordach stützen. Dort begrüßen – stark beschädigt – Neptun, einen Dreizack haltend, und Amphitrite, den linken Fuß auf ein Quellgefäß stützend, die Besucher.

Fotos und Text zum Baubeginn 15.10.1913_Baubeginn

Das Stadtbad heute

Das Stadtbad ist eines von 240 Gebäuden in Deutschland, das in einem von Europageldern geförderten Projekt zur Digitalisierung und Dokumentierung des europäischen Jugendstils aufgenommen wurde – die Fotos, die vom Stadtbad entstanden sind, können auf der Seite www.bildindex.de eingesehen werden (Benutzen Sie dafür in der Suchleiste die Begriffe Stadtbad Halle). Damit wurde die baukulturelle und bauhistorische Bedeutung des Gebäudes, wie sie oben ausführlich beschrieben wurde, auch auf europäischer Ebene umfassend gewürdigt. Unabhängig davon ist das Bad für eine Vielzahl von Nutzern und Nutzerinnen ein wichtiger Ort für Erholung, Gesundheit und Sport. Diese Bedeutung des Bades wird in unserer alternden Gesellschaft sogar noch deutlich zunehmen: Kein anderes Bad in Halle kann das Stadtbad Halle mit seiner zentralen Lage und seinen komfortablen Einstiegen gerade für ältere oder bewegungseingeschränkte Menschen ersetzen.

Die ovale Frauenhalle.

Die ovale Frauenhalle.

Trotz dieser und zahlreicher weiterer Gründe, die für einen Erhalt des Stadtbades sprechen, war das Stadtbad bereits mehrfach von einer Schließung bedroht und bedarf einiger Sanierung. Deshalb setzt sich der Förderverein Zukunft Stadtbad Halle (Saale) e.V. seither für einen Erhalt des Bades ein. So konnte nach einer fast zweijährigen Schließung die historische Frauenhalle im Oktober 2014 wieder eröffnet werden. Vorangegangen war eine intensiver Austausch im Rahmen des Runden Tisches „Mein Stadtbad“ gemeinsam mit den Betreibern des Bades, der Verwaltung der Stadt Halle und einer Vielzahl von Fachleuten. So entstand ein Leitbild, auf dessen Grundlage die Zukunft des Bades als Bewegungs- und Gesundheitszentrum auch wirtschaftlich tragfähig gestaltet werden kann. Ein darin enthaltenes Nutzungskonzept, das gemeinsam mit Nutzern und Interessierten entwickelt und diskutiert wurde, können Sie hier einsehen.

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